Ein Hund – na und?!
Sie haben sich entschieden, Ihr Leben und Ihr Zuhause in Zukunft mit
einem Hund zu teilen?! Sie haben weiterhin entschieden, daß es ein Hund,
aus dem Tierheim oder von einer Tierschutzorganisation sein soll, weil
sie einem solch armen Wesen ein neues, gutes Zuhause geben wollen? Sie
sind sicher, einen solchen Hund nicht mehr erziehen zu müssen, weil der
ja meist schon erwachsen ist und weiß, was Sie von ihm erwarten? Sie
kennen Lassie und Kommissar Rex und wissen daher natürlich: das Leben
mit einem Hund ist immer toll, völlig harmonisch und gänzlich
unkompliziert? Sie haben natürlich ganz schnell einen passenden Hund
gefunden –weder zu klein und noch zu groß-, und jetzt schließen Sie Ihr
neues Familienmitglied endlich in den Arm!
Der Hund ist sofort ebenso begeistert von Ihnen, leckt Ihnen vor
Dankbarkeit die Hände und erfreut Sie von Stund’ an nur noch mit
exzellentem Benehmen, ist klug, gehorsam, immer kerngesund und steht
Lassie in nichts nach! Herzlichen Glückwunsch, wenn es wirklich so
gelaufen sein sollte!!! Für mich klingt das alles aber nach 30 –jähriger
Hundeerfahrung (mit 4 Hunden) mehr nach den Märchen aus unserer
Kindheit. Die endeten doch auch alle: Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben sie noch heute. Ich möchte Ihnen daher dringend raten:
Vergessen Sie lieber alles bisher Gelesene und stellen Sie sich
vorsichtshalber auf das Schlimmste ein, denn in den meisten Fällen
müssen Sie Lassie und Konsorten sehr schnell vergessen, egal ob Sie sich
einen reinrassigen Welpen vom Züchter holen oder sich mit einem
Mischling aus zweiter Hand anfreunden wollen.
Stellen Sie sich z.B. folgendes Szenario vor:
Ihr neues Familienmitglied begegnet Ihnen zunächst sehr reserviert, weil
es durchaus auch auf schlechte Erfahrungen mit Zweibeinern zurückblicken
kann. Nur nach viel gutem Zureden springt der Hund endlich ins Auto.
Aber: er springt nicht nur ins Auto, er setzt seinen Weg sofort unbeirrt
fort und springt –ohne Rücksicht auf Verluste- von Sitz zu Sitz durch
das ganze Auto, bis er stolz auf dem Fahrersitz hockt, nicht ohne mit
seinen Pfoten, die gerade noch auf unvorstellbar matschigen Wegen zum
Einsatz kamen, eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Zu Hause
angekommen, beginnt Ihr ‚Liebling’ sofort damit, durch zahlreiche
Duftmarken sein neues Terrain abzugrenzen, sowohl draußen als aber
auch…innen, auf den guten Teppichen. Während Sie noch damit beschäftigt
sind, die gröbsten Spuren in Haus und Auto zu beseitigen, liegt der
Flegel gemütlich auf dem Sofa, als sei es nur für ihn angeschafft
worden. Nur widerwillig lässt er sich unter Drohungen von dort
vertreiben und legt sich kurz in das extra für ihn angeschaffte
Körbchen. Wenige Minuten später beschließt er, den kleinen blauen
Blumentopf von der Fensterbank zu holen. Mit lautem Getöse fällt das
Erbstück zu Boden, Ihr ‚Liebling’ erschreckt sich, aber nur kurz, und
beginnt dann seelenruhig, die frisch gedüngte Erde von Boden
aufzufressen. Beeindruckt durch Ihre ermahnenden Worte, läßt er
widerwillig von der Erde ab, aber nur um statt dessen dem kleinen
zweibeinigen ‚Welpen’ das Butterbrot, das dieser gerade in den Mund
stecken will, zu klauen. Als Nächstes widmet er sich vielleicht der
Tageszeitung. Die muß man sich doch wirklich nicht so still vor die Nase
halten, die kann man doch auch durchschütteln und dann so richtig toll
zerfleddern. Danach, weiter eifrig bemüht, Gutes zu tun, jagt Ihr
‚Liebling’ voll Begeisterung den Kanarienvogel, der –an Freiflug
gewöhnt- vergnügt im Wohnzimmer seine Kreise zieht. Das gelbe Ding muß
doch zu kriegen sein. Eine wilde Hetzjagd beginnt, und nur durch
beherztes Eingreifen können Sie gerade noch Schlimmstes verhindern.
Ist aus Ihrem anfänglichen Zorn inzwischen Rage geworden?
- Haben Sie mit soviel ‚Temperament’ und schlechter Erziehung nicht
gerechnet?
- Fragen Sie sich, wie man für so etwas auch noch Geld geben konnte?
- Wollen Sie sich gleich morgen beschweren und darauf bestehen, daß
ein solches Tier zurückgenommen wird?
- Sagen Sie jetzt bitte nicht voreilig, das ist doch alles an den Haaren herbeigezogen!!!
Vielleicht habe ich etwas übertrieben… nicht jeder Hund hat alle diese ‚Macken’ , aber bedenken Sie bitte, daß es auch noch andere Macken geben kann, die für Sie persönlich viel schlimmer sein könnten. All das, aber auch Vieles mehr, kann passieren, wenn man sich entschließt, einen Vierbeiner in seinem Haushalt aufzunehmen. Darüber muß man sich im Klaren sein, bevor man sich ein Tier anschafft. Ich selbst habe -inzwischen schon seit über einem Jahr- einen ‚gebrauchten’ Hund, vermittelt durch die ‚Tierfreunde Uedem e.V’. Für mich ist es der vierte Hund in Folge, und trotz nunmehr 30-jähriger Erfahrung meinerseits mit immer derselben Rasse hatten dieser Hund und ich zunächst auch erst einmal einige ‚Verständigungsprobleme’. (Einiges von dem oben geschilderten entspricht meinen Erlebnissen.)
Darauf hatte ich mich aber gedanklich vorher
eingestellt! Woher sollte der Hund denn auch wissen, was ich von ihm
erwarte? Auch hielt sich meine Begeisterung für Tierarztkosten im
vierstelligen Bereich, die schon ganz kurz nach der Anschaffung
anfielen, verständlicherweise in Grenzen, aber nie wäre mir auch nur
annähernd der Gedanke gekommen, daß mir in Uedem etwas verschwiegen
worden wäre.
Wenn man sich dort zum Ziel setzt, armen ausgesetzten Hunden zu
helfen, dieses ehrenamtlich macht, viel Zeit und auch Geld in die Sache
investiert, dann hat man bestimmt zusätzlich weder die Zeit noch die
finanziellen Möglichkeiten, jedes Tier vor der Vermittlung komplett
durchchecken und auch noch ggf. behandeln und erziehen zu lassen.
Die ‚Tierfreunde Uedem’ können doch auch nur das weitergeben, was
ihnen der Überbringer des Tiers erzählen kann/ will. Mir war daher von
Anfang an klar (wie auch beim Kauf von einem Züchter): Kauf unter
Ausschluß jeglicher Gewährleistung (Wer soll wie denn überhaupt für ein
Lebewesen eine Garantie geben können???)
Darum: Egal wo Sie sich zum Kauf eines Tieres entschließen, bedenken
Sie unbedingt vorher:
- Keiner kennt wirklich seine Geschichte oder gar seinen Charakter!
- Keiner weiß genau, was das Tier durchgemacht hat (ein Teil seiner
Vergangenheit wird Ihnen immer verborgen bleiben.)
- Niemand kann voraussagen, ob das Tier gesund ist/ bleibt.
- Fragen Sie sich darum vor der Anschaffung ehrlich, ob Sie bereit
und in der Lage sind, -ggf. auch hohe- Tierarztkosten zu übernehmen.
- Erwarten Sie kein perfekt erzogenes Tier! Gerade ein Tier, das
‚gebraucht’ zu Ihnen kommt, hat wahrscheinlich mehr erlebt, als Sie sich
vorstellen können.
- Fragen Sie sich ehrlich, ob Sie die Geduld und auch die Zeit haben,
sich dem Tier artgerecht zu widmen? (Ein Hund will z.B. bei jedem Wetter
raus!)
- Seien Sie geduldig! Schaffen Sie zunächst einmal ein
Vertrauensverhältnis (das Tier muß lernen, daß Sie immer gut zu ihm
sind, daß es bei Ihnen den Schutz und die Sicherheit findet, die es
vielleicht lange entbehrt hat), erst wenn das Vertrauen da ist, beginnen
Sie langsam und vorsichtig mit dem Erziehen. Erzwingen kann man hier
nichts! Es braucht seine Zeit!
- Wichtig ist aber: schon in der Annäherungsphase muß jeder Hund
wissen, wer der Boss im Hause ist! - Und das sollte niemals auch nur
annähernd der Hund sein!
- Bedenken Sie: Jeder Hund ist anders –auch, wenn er reinrassig ist
und selbst dann, wenn Sie sich immer wieder ein Tier derselben Rasse vom
besten Züchter holen.
Hierzu noch abschließend ein persönliches Beispiel: Ich hatte einen
Hund (als Welpen vom Züchter), der sich schon bei dem entferntesten
Geräusch eines Rasenmähers im Nachbargarten in die hinterste Ecke
verkroch, der nächste Hund (ebenfalls als Welpe vom Züchter) fühlte sich
unter den laufenden Rotoren eines Hubschraubers erst so richtig wohl.
Beide Verhaltensweisen sind nicht wirklich therapierbar, aber man kann
daraus schließen, was welchen Hund wie beeindruckt, wenn man ihm etwas
beibringen will. Was der eine Hund nach der Methode A lernt, kann man
bei einem anderen Hund nicht unbedingt genauso vermitteln. Hier gilt es
also auszuprobieren, worauf der Hund positiv und worauf er negativ
reagiert. Hat man das erst einmal herausgefunden, gilt es, das
erwünschte Verhalten des Hundes durch überschwengliches Lob zu
verstärken und das unerwünschte Verhalten mit für den Hund negativen
Erfahrungen zu verstärken. Hier sind Ihre Beobachtungsgabe und Ihr
Einfühlungsvermögen gefragt. Glauben Sie mir, es macht Spaß, sich auf
jeden Hund neu einzustellen und zu sehen, welche Möglichkeiten es gibt,
eine Erziehungsidee rüberzubringen. Testen Sie, wie Sie es schaffen
können, sich mit Ihrem Hund auf eine gemeinsame Sprache zu einigen! Wenn
ein Hund nicht tut, was seine (neuen) Besitzer von ihm erwarten, hat der
Besitzer etwas falsch gemacht –niemals der Hund! Der Hund will nichts
weiter, als Ihnen zu gefallen, und wie er sich verhalten muß, damit ihm
das gelingt, müssen Sie versuchen, ihm beizubringen, und ist Ihnen dies
erst einmal gelungen, dann werden Sie schon bald dicke Freunde sein, die
einander die Wünsche von den Augen ablesen.
